Vergangenheit

So.. Es ist nun fast eine Woche her, dass ich mit meiner Mutter telefoniert habe. Seitdem gab es nichts, aber auch absolut NICHTS von ihrer Seite aus. Ich habe mich ja von meinem Stiefvater beim letzten Telefonat verabschiedet und sie gebeten, sich doch bitte Gedanken zu machen, ob sie überhaupt Lust haben, an unserer Hochzeit teilzunehmen. Hm. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Umso mehr ist es nun Zeit, endlich mal aufzuräumen. Und das Kapitel „Eltern“ aus meinem Leben zu streichen. Denn die Probleme gibt es nicht erst seit gestern…

Angefangen hat alles, als ich im zarten Alter von 12 Jahren das erste Mal Kontakt mit dem Jugendamt aufnahm. Das ist nun immerhin mehr als 10 Jahre her. Ich hatte fürchterliche Angst vor dem Termin, und habe deshalb meine zwei besten Freundinnen gebeten, mitzukommen. Zum eigentlichen Gesprächstermin musste ich dann aber allein – und ich erinnere mich noch zu genau, wie unglaublich aufgeregt und ängstlich ich war. Einerseits waren da die Gedanken, dass nun vielleicht endlich alles ein Ende hat. Und andererseits die unglaubliche Angst, sie würden meinen Eltern von dem Termin in Kenntnis setzen – was mich dann erwarten würde, wollte ich mir garnicht vorstellen.

Also nahm ich in dem kleinen Zimmer  im Jugendamt Platz. Der Mitarbeiter wirkte sehr freundlich und teilte mir direkt zu Beginn mit, dass er nur die „Vertretung“ wäre – für mich wäre eigentlich eine andere Mitarbeiterin zuständig: Diese hatte allerdings gerade Urlaub. Ich begann ihm also unter Tränen zu erzählen, was mein Problem war. Ich erzählte, dass meine Mutter und mein Stiefvater mich regelmäßig schlagen würden. Zudem hatte meine Mutter mich schon des öfteren in ihren „Anfällen“ bespuckt. Von den anderen Beleidigungen, die nur meine Psyche kaputt machten, habe ich damals – glaube ich – nichts erzählt. Ich dachte, die anderen Dinge würden ausreichen, um etwas zu unternehmen. Der Mitarbeiter vom Jugendamt nahm auch alles auf und versprach mir, dass sie sich darum kümmern würden. Nach etwa einer Stunde verließ ich das Zimmer wieder.

Natürlich kam alles anders: Die Mitarbeiterin von Jugendamt, die eigentlich für mich zuständig war, meldete sich nach ein oder zwei Wochen dann bei meinen Eltern. Sie bat sie um einen Gesprächstermin und verband diesen gleich mit einem Hausbesuch. Schließlich war es soweit, und es kam, wie es wohl kommen musste: Die Mitarbeiterin des Jugendamts schlug sich auf die Seite meiner Mutter und alle drei Erwachsenen zusammen stellten sich schließlich geschlossen gegen mich. Meine Mutter beteuerte, dass sie mich nur ein Mal (haha..) geschlagen hatte, und das ein absoluter Ausrutscher war. Und sie berichtete, wie unglaublich schwierig die Zeit war. Anfangende Pubertät. Bla bla. Ich hätte kotzen können. Und vor meinen Eltern traute ich mich auch nicht, ihr zu widersprechen. Ich hatte einfach zu viel Angst.

Also änderte sich natürlich erstmal nichts. Das Ergebnis war lediglich, dass meine Mutter einen einzigen(!) Beratungstermin, und zwar alleine, bei einer Erziehungsberatungsstelle in Anspruch nahm – keine Ahnung, was sie da erzählt hat (Vermutlich dass ich mich selbst verletze, anders kann ich mir nicht erklären, warum es bei diesem einen Termin blieb). Schließlich wurde ich an eine Psychologin in dieser Erziehungsberatungsstelle „weitergeleitet“ und begann dort eine Therapie. Meine Mutter betrachtete dies natürlich als Sieg, da sie schon immer behauptet hatte, dass ICH das Problem sei.

Nach etwa 2 Jahren Therapie, in der es überwiegend darum ging, mit den Problemen zu Hause umzugehen und Situationen so zu beeinflussen, dass es zu keinen Eskalationen mehr kam (ich wurde trotzdem noch etwa alle 2-4 Wochen verprügelt, aber immerhin ein Fortschritt…Haha…) hatte die Psychologin schließlich genug: Sie hielt es nicht mehr aus, wie sehr ich unter der Situation leiden musste, und informierte das Jugendamt erneut. Mir erzählte sie später, dass sie dem Jugendamt „durch die Blume“ mitteilte, dass ich sexuell von meinem Stiefvater belästigt wurde – das war zwar falsch, aber sie hatte bereits Erfahrung mit dem Jugendamt und meinte, dies wäre der einzige Weg, aus meiner Familie herauszukommen. Zwischenzeitlich, also innerhalb dieser zwei Jahre Therapie, wohnte ich übergangsweise auch für etwa 5 Wochen bei meiner Tante, um „Abstand“ zu gewinnen – vorgeschlagen von meiner Psychologin und dankend angenommen von allen Beteiligten. Aber so richtig dauerhafte Besserung brachte dies natürlich nicht, und für immer konnte ich auch nicht dort bleiben.

Ab dem Anruf beim Jugendamt, bei dem ich direkt neben meiner Psychologin saß, ging es dann ganz schnell: Das Jugendamt kümmerte sich im eine Pflegefamilie und schon nach etwa 2 Wochen und ewigen Diskussionen mit meiner Mutter, deren Zustimmung das Jugendamt brauchte, „durfte“ ich dahin umziehen. Zur Pflegefamilie gibt es weiter nichts zu sagen: Es war ein Ehepaar, das höchst katholisch und gläubig war. Zudem war die Familie etwa 50 Kilometer entfernt, und ich musste die Schule wechseln. Dort kam ich überhaupt nicht zurecht, und richtig „warm“ wurde ich mit der Familie auch nicht. Dazu muss ich sagen, dass ich mich damals in der Gothic-Szene bewegte – meine Pflegefamilie dachte, ich wäre ein unglaublich schlimmer Satanist und so richtig verstehen wollten sie mich sowieso irgendwie nicht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich wirklich schwer Vertrauen gegenüber Erwachsenen aufbauen konnte.

Also kam es, wie es kommen musste: Die Pflegefamilie war absolut nicht einverstanden mit meinem Lebensstil und die Streitigkeiten wurden immer größer. Dazu kam noch, dass ich meine alten Freunde, gerade in dieser schweren Zeit, nicht sehen konnte und durfte: Die einzige Busverbindung zu meiner „alten“ Stadt ging kurz nach Schulschluss, und anders kam ich nicht mehr zurück zum Wohnort der Pflegefamilie. Also zerbrach auch diese „Chance“ für mich, und gipfelte darin, dass die Pflegefamilie mich als „Schlampe“ und „dreckiges Weib“ beschimpfend herauswarf. Ich informierte meine Mutter, die mich dann schließlich mitten in der Nacht dort abholte – was hätte ich auch anderes tun sollen? In den nächsten Tagen informierten wir dann das Jugendamt und ich musste wieder bei meiner Mutter bleiben. War mir mittlerweile auch egal – ich konnte einfach nicht mehr. Das war so ziemlich der Tiefpunkt, an dem ich keine Kraft mehr hatte.

Die Probleme bei meinen Eltern waren natürlich nicht über Nacht verschwunden, also ging es mit Schlägen, Beschimpfungen und Erniedrigungen weiter. Ich ließ eine Zeit lang einfach alles über mich ergehen, und versank immer mehr in Depressionen und Selbstverletzung. Nach einiger Zeit schritten meine beiden besten Freundinnen, die mich seit der 6. Klasse durch alles begleitet hatten, dann ein. Also klammerte ich mich an die Hoffnung, es nur noch 1 Jahr (mittlerweile war ich 15) aushalten zu müssen. Mit 16 wäre ich mit der Schule fertig gewesen, und hätte dann – irgendwie – weg gekonnt. Das war also mein großes Ziel, und ich versuchte, einfach durchzuhalten. Irgendwann eskalierte die Situation zu Hause wieder, und ich konnte einfach nicht mehr. Ich packte nachts meine Sachen, ging zur Bushaltestelle hinunter und versteckte dort eine gepackte Reisetasche, ging wieder nach Hause, wartete und wartete und ging schließlich ganz regulär morgens aus dem Haus, um angeblich zur Schule zu gehen. Unten an der Bushaltestelle angekommen nahm ich meine Reisetasche, stieg in den Bus, fuhr zum Hauptbahnhof und stieg in einen Zug: Ich hatte im Internet zwei Jahre zuvor ein Mädchen kennengelernt, das über 200 Kilometer entfernt lebte. Am Abend zuvor hatte ich sie informiert, dass ich vorbeikommen möchte (Eigentlich war das erst in den Ferien, die 4 Tage später anfingen, geplant) und verschwand einfach ohne Nachricht. Ich kam dort nachmittags an, und mittlerweile hatte meine Mutter auch festgestellt, dass ich nicht aus der Schule zurück war.

Am nächsten Tag teilte ich meiner Mutter dann mit, wo ich war, und dass ich NICHT nach Hause kommen werde. Ich hatte sowieso bald Ferien, und schließlich war ich dann insgesamt etwa 2 1/2 Wochen weg. Als ich wiederkam, hoffte ich auf eine Einsicht: Aber nein. Ich wurde wirklich schlimm geschlagen und bekam am ganzen Körper blaue Flecken. Meine Mutter nahm erst ihre Hände, um auf mich einzuschlagen. Ich lag auf meinem Bett. Dann holte sie eine kleine Fußwanne aus Plastik, und schlug damit auf mich ein bis diese zerbrach. Sie setzte sich auf mich und schlug immer weiter, und ich schrie. Meine Mutter hatte schon auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause meinen (leiblichen) Vater informiert, der etwa 15 km entfernt wohnte und den ich bis dahin nicht wirklich kannte, er solle mich sofort abholen. Sie würde es mit mir nicht mehr aushalten. Endlich kam er dann auch, und nahm mich mit – es war mittlerweile mitten in der Nacht. Ich wollte nur noch sterben.

Ich wohnte dann 4 Monate bei ihm, danach wieder 2 Monate bei meiner Mutter und schließlich, letztendlich, zog ich aus. In eine Stadt, die fast 200 Kilometer weit weg war. Und ich war endlich glücklich.

Genug für heute.

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