Mehr als ein halbes Jahr. Ein Rückblick.

Triggerwarnung – detailreiche Beschreibung von Selbsterverletzung, Magersucht, Kinderwunschgedöns

 

Ich beginne diesen Beitrag am 9.12.2016 und denke, es wird etwas Zeit dauern, bis er tatsächlich fertig ist.

Es sind nun mehr als 6 Monate. 6 Monate, die psychisch für mich wohl die härtesten Monate im „Erwachsenenleben“ waren. Ob es „vorbei“ ist? Ganz ehrlich, ich kann es nicht sagen. Ich weiß es nicht. Diese 6 Monate haben mich an meine Grenzen gebracht, oder darüber hinaus? Es gab Momente, in denen ich schlicht und ergreifend „weg“ war. Momente, in denen ich nicht sprechen konnte. Momente, in denen ich mich nicht bewegen konnte. Es sind zig Erinnerungen aus meiner Kindheit/Jugend hochgekommen, vieles davon tatsächlich schwerwiegend und belastend. Ich habe über 20 Kilo verloren. Und bin gerade dabei, es nun auf dem Niveau endlich stabil zu halten. Der Punkt „verzerrte Körperwahrnehmung“, der bei mir mit der Magersucht kommt und mit wieder-stabil-werden geht, ist seit locker 2, eher 3 Monaten verschwunden. Übrig bleibt die Kompensation; wenn es mir psychisch schlecht geht oder wenn ich unter Druck stehe, esse ich nicht. Oder wenig.

Thema war im letzten halben Jahr auch immer wieder Selbstverletzung. Ich schneide nicht mehr. Seit einem Schlüsselmoment hab ich’s einfach gelassen. Es waren zwei Seiten… Einerseits war das letzte Schneiden für mich selbst einfach gruselig. Ich schnitt und schnitt in meine Haut und fand kein Ende; es waren sicherlich 30 unterschiedliche Schnitte und ich hatte zum Teil mehrere Male nochmal in eine entstandene Wunde reingeschnitten. Und empfand einfach nur Spaß dabei, hörte Musik, tanzte – und schnitt. Immer und immer wieder. Im Nachhinein macht mir das einfach nur Angst. Es war nicht dramatisch tief, gefährlich oder sonstwas – aber ich hatte einfach das Gefühl, ich könnte das stundenlang machen. Empfand keinen Schmerz dabei. Sah das Blut laufen und fand es … schön?

Die zweite Seite war die Reaktion meiner Freundin. Bisher war bei mir angekommen, dass sie diese Seite an mir einfach annimmt, hinnimmt, es ihr nicht großartig was ausmacht. Dachte ich… War nicht so. Sie bat mich, es zu lassen, und ich ließ es. Es gab seitdem nochmal etliche Tage, in denen ich einfach unglaublichen Druck hatte, zu schneiden, es aber niemals auch nur ansatzweise getan hätte. Das letzte Mal ist nun fast 8 Wochen her. Die Gedanken daran werden weniger. Auch, wenn ich ehrlich zugeben muss – allein für mich hätte ich es niemals gelassen. Dafür war es ein zu angenehmes Mittel, um meine Gedanken zu ordnen, um mich zu beruhigen, um psychische Schmerzen auszublenden… Ja. Es half leider bei etlichen Dingen, die nun schwieriger geworden sind. Aber machbar.

Was psychisch noch da ist und definitiv nicht so bald verschwinden wird ist meine Verlustangst. Vor 5, 6 Monaten war die Verlustangst tatsächlich lähmend, belastend. Es ist besser geworden, ja. Aber gut… Nein, so wie es jetzt ist, ist es von „gut“ noch weit entfernt. Obwohl ich zumindest von meiner Freundin all die Bestätigung bekomme, die ich brauche – und noch so viel mehr… Es ist emotional zum Teil wirklich, wirklich schwierig. Ich denke, das Thema wird mich noch etliche Jahre begleiten und selbst dann wird es nicht immer, nicht jederzeit „gut“ sein.

Soviel zum Rückblick. Aktuell geht es mir tatsächlich gut. Es gibt Baustellen, ja. Definitiv. Aber der letzte Zusammenbruch ist etliche Zeit her. Ich werde stabiler. Belastbarer.

Was nach wie vor nervig bis belastend ist sind die Stimmungsschwankungen. Gerade für mich ist es schlimm, weil ich teilweise echt dastehe und genau weiß, dass das, was ich fühle, was ich denke, einfach krank ist. Unbegründet, übertrieben. Unangemessen – ich glaube, das trifft es am besten. Etwas dagegen tun kann ich leider oft nicht – kleinere Dinge bekomm ich häufig mit etwas Kopfarbeit noch ganz schnell und unkompliziert aufgedröselt. Sobald es aber komplexer wird und/oder mit wirklich tief verwurzelten Ängsten spielt, bin ich relativ machtlos. Brauche Stunden, um halbwegs normal denken zu können; aus den Gedanken “auszubrechen“. Aber auf der “Haben“-Seite steht: ich bekomm es hin. Ohne mir selbst zu schaden, ohne kompletten Zusammenbruch. Aber es ist anstrengend und es kommt alle paar Wochen vor, dass ich den restlichen Tag zu wenig bis nichts mehr zu gebrauchen bin. Gerade wenn es in die Richtung Verlustangst geht…

Aber nun zu den absolut und bedingungslos positiven Seiten. Ich bin glücklich. Wahnsinnig glücklich. Und es ist wundervoll anzusehen, wie unsere Kinder zwei Erwachsene als enge Bezugspersonen und drei (Geschwister)Kinder „gewonnen“ haben. Wie sehr sie an diesen Menschen hängen. Es ist spannend, zu beobachten, wie die Kinder insbesondere auf die Erwachsenen reagieren, wie sie mit ihnen interagieren. Wie das Level an Vertrauen, das da langsam entsteht, immer höher wird.

 

Was sonst im Jahr 2016 passiert ist? Die Kinderwunschbehandlung war extrem kräftezehrend. Im Mai hatten wir unseren ersten Termin und waren theoretisch bereit, sofort loszulegen – im Dezember haben wir dann positiv getestet. Dazwischen war viel vergedeute Zeit, weil ungenutzte Zyklen, meine Frau hat sich unendlich viel Hormonzeug reinpumpen müssen (z. T. für nichts, da sie 5 Zyklen Hormone nehmen musste und es nur 3 Transfere gab). Einmal (nach der IVF/dem ersten Transfer) hatten wir positive Tests, aber es wollte nicht bleiben. Und jedes.einzelne.Mal wartete die Strecke Leipzig-Berlin-Leipzig innerhalb eines Tages auf uns. Mal mit Auto, mal mit ICE, mal mit Nahverkehr. Entweder meine Frau allein, oder zu viert, oder zu sechst.

Seit Oktober studiere ich wieder, Vollzeit, geplant sind Prüfungen im „Gegenwert“ von 30 ECTS dieses Semester. Auch das hat sich geändert. Negative Auswirkungen sind, dass ich ein wenig den Kontakt zu den Kindern verliere, was mir echt unglaublich weh tut. Zumindest die Große scheint sich aber dran zu gewöhnen und nach anfänglichem „nur Mami (meine Frau) darf X, Y, Z mit mir machen“ legt es sich langsam und ich „darf“ auch wieder Sachen mit ihr machen, manchmal wählt sie sogar freiwillig mich. Es tut einfach auch weh, den Kindern nicht das Gefühl geben zu können, „immer“ da zu sein – während meine Frau aber immer da IST. Beim Sohn ist’s grundsätzlich auch noch etwas schwieriger als bei der Großen. Nachdem es in seinem 2. Lebenshalbjahr so war, dass er mich und meine Frau endlich nahezu gleichermaßen akzeptiert hat, schlägt das nun phasenweise wieder etwas um und ich kann ihn manchmal, wenn meine Frau auch verfügbar ist, absolut nicht trösten. Wenn wir allein sind oder ich allein mit beiden Kindern bin, ist das glücklicherweise anders. Trotz allem – Vollzeit studieren werde ich definitiv nicht weiter. Das ist’s einfach nicht wert. Es fehlt grundsätzlich so sehr Zeit für andere Dinge und gleichzeitig hab ich das Gefühl, noch lange nicht genug Zeit mit Lernen und Uni zu verbringen. Realistischerweise werde ich wohl in den kommenden Semestern etwa 50% eines Vollzeitstudiums hinbekommen. Aber das reicht. Mir und überhaupt. Und das Studium wird sich dadurch in die Länge ziehen, ja – aber dafür hab ich dann sicherlich genug Zeit für die Kinder und auch ein wenig Zeit nur für mich. Und ich werde mich mit Uni tatsächlich auch beschäftigen können und nicht nur das absolut nötigste tun, um durch die Prüfung zu kommen. Denn grundsätzlich interessiert mich das, was ich da studiere, schon und es ist einfach schade, dass ich nicht die Zeit habe, mich wirklich intensiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Das war’s im Prinzip. 2016 hat wohl die größten Veränderungen überhaupt mit sich gebracht und zumindest für mich war es aufregend, schwierig, wundervoll und furchtbar gleichzeitig. Es sind etliche schreckliche Dinge passiert und mindestens genausoviele wundervolle Sachen. Alles in allem, vor allem gefühlsmäßig, ein Jahr der Extreme 🙂

Gefühlsexplosion.

Es sind nun knapp 3 Wochen. Klingt überschaubar, knapp, kurz… Gefühlsmäßig ist es das absolut garnicht. Es ist intensiv, wahnsinnig intensiv. Gefühle, die ich in der Intensität und in der kurzen Zeit bisher noch nie so empfunden habe. Nie zulassen konnte. Mit ihr ist es anders. Oft reicht schon ein kurzer Blick, ein Lächeln, eine winzige Gefühlsregung, die übers Gesicht huscht. Und ich weiß, was sie gerade beschäftigt. Woran sie denkt. Was sie sagen möchte, bevor sie es ausspricht. Es ist verrückt, wenn man kurz inne hält und darüber nachdenkt. Darüber nachdenkt, dass es morgen erst 3 Wochen sind. Dass es noch so viel gibt, was wir über den jeweils anderen nicht wissen (und gleichzeitig so viel, was wir voneinander wissen)… Aber im Alltag ist es einfach nur… vertraut. Liebe. Nähe. Wunderschön…

Welche Worte uns begleiten? Warten. Etwas, was wir beide absolut nicht können. Ich denke, es spricht Bände, wenn ich schreibe, dass wir bereits jetzt über Kinder sprechen. Gemeinsam ein Haus kaufen. Gemeinsam leben, gemeinsam sterben.

Bedingungslos. Alfie Kohn’s Liebe und Eigenständigkeit gelesen? Ich muss ja zugeben, wir noch nicht. Aber was bedingungslose Liebe ist, dürfte jedem klar sein. Und es trifft zu 100% zu.

Vertrauen. Ein wenig so meine „Problemzone“ (haha). Es IST schwer. Wahnsinnig schwer. Aber ich merke die Fortschritte. Winzig. Quasi minimalistisch. Aber es tut sich was, und das ist zumindest für mich sehr erleichternd. Und ich habe zwei Menschen an meiner Seite, die mir alle Zeit der Welt geben, um das notwendige Vertrauen zu gewinnen.

Nähe. Extrem wichtig. 24 Stunden am Stück gemeinsam verbringen und es macht mich traurig, wenn wir uns darauffolgend für eine Nacht nicht sehen.Was der Grund ist, weshalb ich diesen Beitrag hier mit Macbook auf ihrem Bauch liegend verfasse… 🙂  Sex ist nicht nur Sex, sondern… Nähe. Einfach nur Nähe. Wunderschön. Vertraut. Geborgen fühlen.

Aufräum- und Gedankenpause

Sitze nun seit über einer Stunde dran, die Wohnung (alleine, ohne Kinder! Hurray!) aufzuräumen, da am Dienstag das Schwiegermonsterchen anrückt (so schlimm ist sie nicht… 😉 ).

Tut gut. Echt jetzt. Die letzten 2 Wochen waren so, so, so intensiv. Wahnsinnig intensiv. Und auch, wenn es kacke ist – allein das alltägliche Leben, das hier aktuell so läuft, triggert gerade so extrem viele Dinge, die ich lange vergessen habe. Lange vergessen wollte… Stichwort Vertrauen (in die Gefühle und Worte anderer Menschen, um genau zu sein), Stichwort Selbstwertgefühl. Ist ein schwieriges Thema und da braucht es sicherlich noch etliche Gespräche, etliche Stunden Nachdenken und Zeit. Vor allem Zeit. Vertrauen ist für mich ein enorm schwieriges Thema und es belastet mich, dass ich nicht einfach Stop sagen kann und meinen Kopf ausschalten kann. Es belastet mich, dass ich viele, viele Zweifel in meinem Kopf habe… Dass ich häufig dasitze und denke: Es ist gerade gefühlsmäßig so perfekt, was wird da noch passieren? Das kann doch nicht Realität sein…

Im Endeffekt ist es Arbeit an mir selbst. Ich muss diese Dinge für mich klären. Muss vertrauen. Muss daran arbeiten, zu erkennen, wie viel ich anderen Menschen bedeute. Und vor allem daran arbeiten, das auch zu glauben, nachvollziehen zu können. Großes Problem…

Anderes Thema: Es ist echt unglaublich krass faszinierend, dass ich rein zufällig(!) einen Menschen getroffen habe, der mich so dermaßen versteht. So viel von dem, was ich denke, was ich fühle, teilt. Fast schon gruselig. Und in vielen, vielen Dingen sowas von schön. Es ist einfach das Gefühl: Hey, da ist jemand, der mich mit meiner verqueren Denkweise, mit meinen abstrusen Gedanken, mit meinen merkwürdigen Gefühlen versteht. Und das ist schön, das gibt mir das Gefühl, wahnsinnig gut aufgehoben zu sein. Vielleicht hilft mir das ja auch bei den Problemen, die ich anfangs geschildert habe… 😉

Adoption. Beziehungskrams.

Die letzten Tage waren sehr, sehr aufregend. Die Woche hatten wir den Adoptionstermin für den Babysohn. Im Gegensatz zur Adoption in Berlin – ganz ehrlich, es lagen WELTEN dazwischen. Ein paar Minuten nettes Gespräch (auf Augenhöhe! Ohne zu versuchen, uns in die Rolle von Bittstellern zu drängen) und das wars dann auch schon.

Folgt das übliche Prozedere und in 1,5 Monaten werden wir wohl die neue Geburtsurkunde beantragen können. Wobei das ja zweitrangig ist, bisher hatte bei der Adoption des Töchterchens der erste Beschluss immer völlig als Nachweis ausgereicht.

Davon abgesehen „plätschert“ das Leben so weiter. Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll. Wir haben diverse (Langzeit-)Pläne (Hauskauf, Studium oder nicht, weitere Kinderplanung…); wollen wohl auch einiges ändern. Es findet sich gerade sehr viel neu und die Zeit ist sehr, sehr aufregend für uns alle. Dazu kommt, dass ich echt krass verliebt bin. So richtig. Und das Gefühl habe, ich habe (ein zweites Mal…) unter unzähligen Menschen die Person zufällig(!) gefunden, die perfekt für mich ist. Ich bin unendlich glücklich. Unendlich verliebt. Und unendlich dankbar, dass meine Frau das zulassen, akzeptieren kann. Mich unterstützt, jederzeit. Mich gehen lässt, wenn ich es brauche, und mich mit offenen Armen empfängt, wenn ich zurück komme. Es ist tatsächlich momentan einfacher für uns als Paar, als ich es zuvor erwartet habe. Im Prinzip ist unsere Familie tatsächlich einfach größer geworden. Reicher. An Emotionen, an Menschen, an Liebe. Es ist ein wunderbares Gefühl und mir tut das richtig, richtig gut.

Das einzige womit wir momentan etwas kämpfen ist das „Outing“ vor der Familie. Meine Mutter – geschenkt. Ist mir völlig gleich, was sie davon hält. Dementsprechend werde ich es ihr einfach sagen, wenn die Sprache zufällig darauf kommt, oder halt nicht (wir haben eh keinen großartigen Kontakt mehr). Das einzige, was etwas schwieriger ist, sind tatsächlich die Eltern meiner Frau. Ihre Mutter kommt nächste Woche für etliche Tage zu Besuch und uns ist beiden absolut nicht wohl dabei, ihr etwas vorzumachen. Andererseits fürchten wir schon ein wenig, dass die Reaktion eher „not amused“ ausfallen wird bzw – was wir eigentlich sogar noch mehr befürchten – dass sie sich unglaublich Gedanken macht, sich Sorgen macht, unsere Beziehung vor dem Aus sieht… Solche Dinge. Aber Verschweigen einer dauerhaften Beziehung (und genau danach sieht es gerade aus…) ist halt auch Murks, mal ganz abgesehen davon, dass wir für uns ganz persönlich keinen Grund sehen, es zu verschweigen. Und es in der Praxis schwierig werden dürfte, denn wir sehen uns eigentlich täglich und ich weiß nicht, wie wir das sonst lösen sollen – wenn nicht mit der Wahrheit. Und nicht zuletzt: Wir sind glücklich so, wie es ist, und ich würde es am liebsten mit der ganzen Welt teilen 🙂